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20 nach 1:00 ist es gerade, mitten in der Nacht vom 13. auf den
14. April. Eigentlich könnte ich längst zuhause sein. So aber stehe
ich hier am Bahnsteig in Otterfing. Vorhin, in der S-Bahn habe ich mich noch
gewundert, daß die Landschaft draußen so anders aussieht als sonst,
ungewohnt eben. Die nächste Haltestelle wollte überhaupt nicht kommen.
Da vermutete ich schon, daß ich zu weit gefahren war.
In Giesing hatte ich noch aus dem Fenster gesehen und den bekannten Bahnhof
gesehen. Über Fasangarten, Fasanenpark und Unterhaching hätte ich
Taufkirchen erreicht. Normalerweise merke ich wann ich aussteigen muß.
Selbst wenn ich mal kurz einnicke weckt mich mein Unterbewußtsein an der
richtigen Stelle. Erst zwei- bis dreimal ist es mir passiert daß ich aus
Versehen eine Station weiter, eben bis Furth gefahren bin. Heute bin ich 4 Stationen
zu weit.
Vermutlich liegt es an dem Starkbier, das ich vorhin noch im Augustiner in der
Arnulfstraße getrunken habe. Unser Chef hatte uns eingeladen, wir hatten
uns zugeprostet. Rechts saß Andy, unser Rover-Kollege. Es war so eine
Art Abschied, denn Rover wird ja verkauft, an Alchemy oder an Ford.
Die 2 Glas "Dunkles" waren wohl doch zuviel? Um Mitternacht sind wir
aufgebrochen, 15 Minuten später war ich unten an der S-Bahn. Die letzte
S2 Richtung Holzkirchen war pünktlich gekommen, vorbei an der Sankt-Martin-Straße
und an Giesing. Und nun das !
Ärgern hilft jetzt nicht. Erst einmal das Gleis wechseln. Drüben auf
Gleis 2 geht der Zug zurück Richtung München. Mal sehen, wann der
nächste fährt.... Auf dem großen, gelben Bogen steht etwas von
einem Zug um 1:56. Da ist es noch einige Zeit hin, genügend Zeit also am
Bahnhof hin und herzulaufen und immer wieder auf die große Bahnhofsuhr
zu sehen, wie der lange Sekundenzeiger Minute um Minute herumdreht und der etwas
kürzere Minutenzeiger immer wieder einen Teilstrich weiterspringt.
Was steht gleich noch in der Zeitung? Vorne steht ein Zeitungsständer.
Als ich so lese kommt der Mann, der den TZ-Kasten neu befüllt. Die neuen
Zeitungen hinein, das Geld heraus. Selbstständig sei er. 5 Stunden gut
bezahlte Arbeit.
Die Abfahrtszeit rückt näher, nur noch ein paar Umdrehungen, die der
Sekundenzeiger zu absolvieren hat. Völlig leer ist der Bahnsteig, ich bin
wohl der einzige Fahrgast. Egal, in etwa einer halben Stunde werde ich zuhause
sein. Falls der Zug pünktlich kommt ! Im Moment sieht es nicht danach aus.
Der große Zeiger springt gerade auf 56 Minuten und kein Zug zu sehen.
Noch mal schauen auf dem gelben Plan. 1:56 steht da, in großen Buchstaben.
Daneben steht etwas dünner noch 2:01. Ein blödes Gefühl hier
zu stehen und auf einen Zug zu warten, der vielleicht nicht kommt. Die 5 Minuten
warte ich jetzt jedenfalls noch ab.
Vergebens ! Kein Zug in Sicht, keine Durchsage. Einsam stehe ich auf dem Bahnhof
kurz nach 2 Uhr morgens. Heim will ich, wie weit ist es wohl von hier nachhause?
Ob sich das Warten am Bahnhof auf den Morgenzug lohnt? Dazu bin ich jetzt zu
müde.
Warum nicht einfach laufen. Gut zufuß bin ich ja, vorhin haben wir uns
noch darüber unterhalten. Nur der schwere Aktenkoffer stört. Am Bahnhof
will ich ihn jedenfalls nicht stehen lassen. Es sind ja nur so 3 Stationen zurück.
Das Gleis zeigt mir den Weg. Also los !
Erst einmal den Bahnsteig bis ans Ende, dann hinunter auf den Schotter. Ein
paar Meter weiter gibt es so eine Art Weg direkt parallel zur S-Bahnlinie. Hell
genug ist es und vor allem, es regnet nicht. So trabe ich leicht dahin, den
Koffer immer mal wieder von rechts nach links und wieder zurück. Stückweise
ist der geschwungene Weg sogar asphaltiert, leider aber übersäät
von einer großen Menge gut gefüllter Pfützen. Ein unangenehmes
Gefühl, wenn man plötzlich aus Versehen reintritt und das Wasser hoch
in die Schuhe spritzt. Glücklicherweise regnet es nicht.
Immer wieder taucht ein neues grünes Signal links am Gleis auf. Weit ist
es bis zur nächsten Haltestelle. Das kam mir auf der Herfahrt mit der S-Bahn
schon so vor. Hier auf dem Land sind die Entfernungen zwischen den Haltepunkten
viel größer als in der Stadt. Mein Lauf ist immer noch leicht und
locker und ich komme gut voran. Da, endlich, vorne die Lichter, das muß
Sauerlach sein. Bei den Häusern mündet mein schöner Weg plötzlich
in eine Straße unter der S-Bahn durch.
Drüben entferne ich mich immer weiter vom Gleis. Das gefällt mir ganz
und gar nicht. Für Umwege habe ich keine Zeit. Am nächsten Haus kann
ich seitlich vorbei in Richtung Gleis. Mangels Weg laufe ich nun über das
Gleisbett. Auf dem Schotter geht es gar nicht gut. Ständig muß ich
aufpassen, daß ich mir den Fuß nicht verknackse. Laufen kann man
das nicht nennen. Und wenn nun eine Bahn kommt? Nicht anzunehmen, es ist ja
mitten in der Nacht. Zur Sicherheit laufe ich entgegen der Fahrtrichtung, so
daß ich den Zug sehen müßte. Da vorne ist der Bahnhof. Rechts
den Tritt hinauf auf den Bahnsteig. Es ist geschafft, meine erste Station. Sauerlach
steht oben auf dem Schild. 2:47 zeigt die Uhr. Auf der Bank nehme ich mir die
Zeit für ein paar erste Notizen zu dieser Geschichte.
Mal sehen wann ich in Deisenhofen bin. Erst einmal geht es weiter die Schienen
entlang. Von einem Weg ist nichts zu sehen. Rechts am Rand scheint es etwas
leichter zu gehen. Für die Oberleitung gibt es in regelmäßigen
Abständen die Stahlträger. Nur nicht aus Versehen dagegen laufen.
Ziemlich dunkel ist es hier draußen, ein Weg parallel so wie vorhin nicht
in Sicht. Oder ist da unten rechts so etwas?
Vorsichtig die Böschung hinunter. Nein, Weg gibt es hier keinen. Eher eine
Art Trampelpfad durch die sumpfige Wiese, aufgeweicht vom Regen. Matsch, matsch
macht es als meine Schuhe im Baatz weiterwollen. Ich kann mir gut vorstellen,
wie sie jetzt aussehen. Es hilft nichts, ich muß weiter, immer parallel
zum Gleis entlang. Von Laufen kann man nicht sprechen, es ist eher ein vorsichtiges
Gehen. Mal ein wenig weiter rechts, dann wieder einen Schritt links, wo man
halt meint daß es eine Idee besser geht.
Am Waldrand endet mein Trampelpfad in einem Querweg. Auf dieser Gleisseite komme
ich nicht weiter. Also links hinunter, unter der kleinen Unterführung durch.
Unten steht das Wasser so um die 3cm hoch. Die Schuhe freuen sich. Freundlicherweise
läuft die Brühe nicht gleich oben rein. Drüben ist ja ein Weg
! Wenn ich das gewußt hätte ! Ich hatte wohl die falsche Seite gewählt.
Egal, jetzt geht es jedenfalls eine Art Kiesweg entlang, wie im Perlacher Forst.
Viel besser als die sumpfige Wiese. Gespentisch wie sich die blattlosen Äste
der Laubbäume gegen den helleren Himmel abheben. Schwarzweiß sieht
die Landschaft aus. Für Farbe ist es einfach zu dunkel. Gerade noch sicher
zu erkennen ist der Weg, die Pfützen und die Strommasten rechts. Anstelle
des Laufs mache ich nun eine Art Powerwalk. So um die 8-10km/h werde ich wohl
schnell sein. Da vorne kommt wieder ein grün leuchtendes Signal. Sonst
sieht man von der Bahnstrecke wenig.
Gespentisch still ist es. Kein Vogeltwitschern. Alle schlafen wohl. Nur manchmal
knackt ein Ast im Wald. Plötzlich höre ich eine Kirchturmuhr schlagen.
3:00 ist es jetzt. Schritt für Schritt geht es weiter. Spaß macht
es mittlerweile nicht mehr, dafür behindert der Koffer zu stark. Links
geht immer wieder ein Weg ab schräg durch den Wald. Ein Fahrrad müßte
man mithaben, so ein winziges Rad im Koffer. Ich komme mir vor wie im falschen
Film: Soweit die Füße tragen?
Halb 4 Uhr zeigt meine Uhr, als links und rechts in weiterer Entfernung die
Sirenen ertönen. Was ist jetzt passiert? Greift der Russe an? Ein Atomkrieg?
Und ich hier mitten auf dem Land, keine 10 Meter entfernt vom Gleis. Vorne scheint
hin und wieder ein gelber Lichtschein. Ob das der Bahnhof in Deisenhofen ist?
Nein, es sind Signallichter. Und das Geräusch von hinten, ob das die S-Bahn
ist? Nein, es schaut aus wie eine Lok für Gleisbauarbeiten. Vielleicht
als Kontrolle, ob am Gleis noch alles in Ordnung ist. Viertel vor 4 Uhr ist
es mittlerweile. Eine Minute später, die Lichter da vorne, das ist die
Waldsiedlung. Nun ist es nicht mehr weit bis zu unserer Radstrecke, die ich
mit dem Radlverein schon so oft gefahren bin.
Über die Straße hinüber, die schmale Straße zum Bahnhof
Deisenhofen. So weit ist das gar nicht mehr. Von hinten kommt das erste Auto
auf der langen Strecke. Links das Geländer, wo das Gelände steil in
den Wald abfällt. Vorbei an der belechteten Bahnschranke. 4:04 ist es,
als ich den ersten Vogel höre. Die anderen schlafen wohl noch. Bei Frau
Mieg in der Bahnhofstraße könnte ich eigentlich mal vorbeischauen,
vermutlich schläft sie.
10 Minuten später bin ich am Bahnhof Deisenhofen. Da stehen sie, die beleuchteten
S-Bahnen - bereit für die erste morgendliche Fahrt. So eine Art Muskelkater
spüre ich in den Beinen. Aber jetzt einsteigen? Kein Fahrer zu sehen. 4:28
soll die erste losfahren, die Türen sind jedoch verschlossen. Also weiter.
Den kleinen Radweg bis zur Bahnschranke, über die Straße, den Radweg
entlang bis zur Unterführung. Hunderte Male sind wir das mit dem Rad schon
gefahren. Vorbei an dem großen Sportplatz, den Weg an der S-Bahnlinie
entlang, über das kleine Brückchen hinüber. Links liegt das große
Lager von Farnell. Schaff ich es noch vor der S-Bahn am Bahnhof Furth zu sein?
In der Brotfabrik Lieken herrscht emsige Betriebsamkeit. Ein frisches Brot,
das wär schon was. Nur noch ein paar Meter bis Furth. Da höre ich
schon die S-Bahn von hinten. Rasch über das kleine Brückchen, aber
wie komme ich jetzt hinüber zur S-Bahn? Zeitgleich sind wir am Bahnhof.
Von meiner Seite her gibt es jedoch keinen Bahnsteig.
Egal, auf diese letzte Station kommt es jetzt auch nicht mehr an. 4:33 zeigt
meine Uhr an. Die Lampenreihe entlang, über die schmale Autobahnbrücke.
Wenig ist los um diese Zeit. Vorbei an den Tennisplätzen, dann links Richtung
Ahornring. Der Himmel ist leicht bewölkt, deutlich sieht man die Sterne.
An Rolf Sommerlatts Grundstück vorbei über den Kreisel in den Ahornring.
Die Vögel werden gerade wach, noch 9 Minuten bis 5. Nach dem Bürobedarf
Spreuer links in die Hainbuchenstraße. Juhu, ich bin wieder da.
3 Minuten vor 5 Uhr habe ich es geschafft. Fast 3 Stunden habe ich gebraucht
für die 4 Stationen. Wieviele Kilometer werden es wohl gewesen sein? So
um die 20? Auf jeden Fall war es ein gutes Training. Noch eine Stunde schlafen,
dann geht es wieder los, wie jeden Tag. Aufstehen, anziehen, noch ein wenig
schreiben am PC und dann ab in die Arbeit.
Die Schuhe schauen aus ! Kein Wunder bei dem vielen Dreck in dem ich diese Nacht
umhergestapft bin. Ab ins Bett, putzen kann ich sie ebensogut in einer Stunde.
Besonders fit war ich nicht an diesem Tag. Auch die Hose hat einiges abbekommen.
Besonders die Hosenbeine sehen unten recht erdig aus. Mit der Bürste geht
jedoch einiges raus. Den richtigen Muskelkater werde ich wohl erst morgen oder
übermorgen spüren. Positiv finde ich, daß ich mir auf dem weiten
Weg nicht eine einzige Blase gelaufen habe. Es war ein richtiges Abenteuer,
richtig preisgünstig dazu. Wer Lust hat möge es mir nachmachen.
(aufgeschrieben 14.-15.4.2000 mod. 17.8.00 Matthias Weisser)
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